G´schichten aus der Tiefgarage

Es war einmal.... so fangen viele gute Geschichten an, so auch diese.

Es war einmal ein neuer Nachbar, der hatte ein rotes Auto. Das Auto, ein Ford Mondeo, war jüngeren Baujahres, der Nachbar eher älteren, Siebzig aufwärts. Nennen wir ihn Herrn B.

Herr B. grüßte immer freundlich und fiel bisher eigentlich nur durch unkonventionelle Parkstellungen in der Tiefgarage auf. Nun haben wir ein innigeres Verhältnis zu ihm. Und das kam so:

Eines schönen Abends im April hing ein Zettel auf der Tiefgaragentür mit folgendem Inhalt: "Jemand hat mein Auto beschädigt. Bitte melden, von einer Anzeige wird Abstand genommen". (Wie denn auch, denn die Gendarmerie hat die Anzeige mit einem Hinweis auf den Privatgrund nicht angenommen). Jeder dachte sich "Blöde Sache,...". Später am Abend klingelte es jedoch und wohlmeinende Nachbarn baten uns in die Tiefgarage. Dort stellten wir fest, daß die Schäden am Mondeo mit einem Kratzer am Jeep zusammenpassten. Nachdem der erste Schock überwunden war, besahen wir die Schäden genauer. Ich stellte fest, daß am Ford eine Spritzdüse der Scheinwerferwaschanlage fehlte. Diese fand sich am Beifahrersitz. Es war bereits nach 20 Uhr, als wir an der Tür bei Hr. B. läuteten. Dieser öffnete schon im Pyjama. Ich stellte mich vor und teilte ihm mit, daß die Schäden unserer beiden Autos augenscheinlich zusammenpassten. Auf meine Frage, wo er denn die Spritzdüse gefunden habe, antwortete Hr. B. mit "Na, da drüben, bei Ihrem Auto". Damit war eigentlich alles klar, unter vernünftigen Menschen. Mein Gefühl sagte mir aber bereits "das wird nicht so einfach...." Leider sollte ich recht behalten. Angesichts der fortgeschrittenen Stunde vertragten wir weitere Diskussionen über die Situation auf das Wochenende.

Inzwischen wurden Kostenvoranschläge ausgetauscht: Ford 289 EUR, Jeep 420 EUR. Den Kratzer an der Unterseite der Stoßstange des Jeep habe ich selber noch nicht gesehen, denn ich sträube mich, mich freiwillig unter´s Auto zu legen. Den Kratzer am Mondeo kann man sich nur noch auf Bildern ansehen, denn Hr. B. hat seinen fahrbaren Untersatz mittlereweile gegen einen SLK vertauscht.

Die Strategie für das Gespräch am Sonntag war jene, Hr. B. nicht brutal mit der Wahrheit zu konfrontieren, sondern ihn über Details und Hinweise von selbst auf den Schluß kommen zu lassen, daß er vielleicht doch bei meinem Auto angefahren sei. Kurz und gut, das ging nicht auf. Hr. B. beharrte auf seinem Standpunkt, daß ich sein Auto beschädigt habe. Auch der Kompromissvorschlag "Jeder zahlt sich seinen Schaden und gut ist´s" wurde mit "das ist ein 50%iges Schuldeingeständnis" von ihm abschlägig beantwortet. Es wurde ein neuerlicher Gesprächstermin in einigen Tagen vereinbart. Dieses Gespräch war jedoch nur wenige Minuten lang und die Standpunkte blieben verhärtet. Genauere Details wollen wir an dieser Stelle lieber unerwähnt lassen, da waren Meldungen dabei wie "Ich habe schon Millionen für Autos ausgegeben" usw..... - kurz, ein überzeugter Autoprofi. Nicht unerwähnt möchte ich an dieser Stelle sein joviales Grinsen lassen....

Es dauerte einige Wochen, dann trudelte das erste Schreiben seines Rechtsanwalts ein. Weil einem ja sonst ziemlich fad ist, sucht man sich ja gerne auch einen Anwalt und setzt sich mit dem zusammen. Dieses Schreiben war natürlich nur ein Vorspiel, es dauerte wieder einige Wochen, dann war die Klage zugestellt. Ja, richtig gelesen, Hr. B. verklagte mich wegen dieses Kratzers!

Es folgten hektische Verhandlungen mit meiner Versicherung, die schlußendlich einem Prozess zustimmte. Vertreten wurde ich auf Wunsch der Versicherung von einem Welser Anwalt.

Im Rahmen dieser Verhandlungen nahm ich auch Kontakt zum Gendarmerieposten Vöcklabruck auf. Es stellte sich heraus, daß Hr. B. mit zwei Beamten in der Tiefgarage gewesen war, um die Situation zu besprechen. Dabei bestätigte er einem der Beamten gegenüber den Fundort der Spritzdüse. Damit wurde dieser Teil unserer Verhandlungsstrategie.

Die High-Tech-Verteidigungsvariante (Nachweis über das Bewegungsprotokoll meines Autotelefones, daß das Fahrzeug im fraglichen Zeitpunkt nicht bewegt wurde) gefiel zwar dem Richter, aber die Mobilkom rückte die Daten nicht heraus - gibt´s nur bei Strafprozessen, nicht bei Zivilprozessen.

Nun rückte der Tag des Prozesses (5. Dezember 2002) näher. Pünktlich um 10.00 Uhr fand dann die große Versammlung direkt in der Tiefgarage statt. Großer Aufmarsch: Richter + Azubi, zwei Anwälte, drei Zeugen, Kläger (noch immer grinsend) und Beklagter mit Begleitperson. Meldung des Tages von Hr. B: "So viele Leute wegen so einer Bagatelle!"

Die Aussage des ersten Zeuge war nur bedingt wertvoll. Hr. H. wurde sofort vom Richter gefragt: Haben Sie gesehen, wie sich die beiden Fahrzeuge berührten? Die Antwort war negativ, der Rest nur noch Formsache. Die Aussage meiner wunderbaren Frau war natürlich wahrheitsgetreu. Sie versicherte, daß ich das Fahrzeug nicht bewegt habe. Auch die launische Frage des Richters, ob ich vielleicht in der Nacht alleine einen Ausflug gemacht haben könnte, konnte sie ruhigen Gewissens verneinen. Dann wollte der Richter die Verhandlung wegen der doch niedrigen Temperatur in den Gerichtssaal verlegen. Mein Anwalt meinte, man solle noch unseren zweiten Zeugen, den Gendarmeriebeamten hören. Der Richter ging darauf ein und wurde beim Hinweis auf die Spritzdüse und ihren Fundort ziemlich hellhörig. Er schloss sich sofort unserer Überlegung, daß Fundort und Ort des Zusammenstoßes zusammenpassen müssen, an. Dann fragte er ziemlich unwirsch bei Hr. B, dem mittlerweile das Grinsen vergangen war, nach, ob der die Düse dort gefunden habe. Die Anwort war zuerst unklar, dann zog er sich auf ein "Ich weiß es nicht mehr" zurück.

Dies reichte dem Richter für eine Entscheidung gegen den Kläger und der Prozess war binnen Sekunden beendet, dem Herrn Rat war ziemlich kalt.

Hr. B. grüßt seitdem am Gang nicht mehr.

P.S.: Hr. B. hat vor Weihnachten seinen SLK abgemeldet - hat er seine Autofahr-Tätigkeit eingestellt?

P.P.S.: Hr. B. hat sein Auto verkauft, er traut sich nicht mehr zu, es zu fahren. Ein trauriges Ende einer Autofahrer-Karriere.